LESEPROBE

aus

"le petit mort- Sex & Drugs & Mukoviszidose, die Gescichte eines Grufties"

von und mit Jörn Ranisch/Yoran Nesh

Irgendwann kam dann die Nachricht, dass The Cure in Leipzig spielen würden. Das war ein ohnmächtiges Erlebnis, die Nachricht selbst, meine ich. Es wurde mir schlagartig bewusst, dass man Robert sehen kann. Geld macht eben doch einiges möglich . Jahrelang hatte man gesagt: Wenn ich mal The Cure live sehe, danach bringe ich mich um. Es war der Sinn des Lebens. Sollte es so einfach sein? Aufgeregt telefonierte ich mit Uwe, wir einigten uns, dass ich Karten bestellen würde. Ich bekam die schriftliche Bestätigung, dass 10 Tickets auf meinem Namen zurückgelegt worden seien. Ich hatte Karten für The Cure erstanden, unglaublich!

Endlich kam der Tag. Ich hatte alle meine "heiligen" Klamotten bei mir, jene, die mich auf dem Konzert des "Meisters" kleiden durften. Meine Haare färbte ich Aubergine, schwarz hätte meinen Vater ausrasten lassen.

Ich starrte bestimmt hundertmal zur Bahnhofsuhr, wann endlich der Zug, von Rostock kommend, mich und meine Freunde nach Leipzig fahren würde . Ich wartete nicht allein, der Bahnsteig wurde langsam schwarz, alle Grufts des Landes wollten zum Konzert. Endlich wurde der D-Zug aus Rostock angekündigt, ich blickte ihm entgegen. In allen Waggons standen oder saßen Cure-Fans. Nach ein paar Stunden fuhren wir im Hauptbahnhof von Leipzig ein. Wir sahen auf dem Bahnsteig Uwe und mehrere Salzwedeler Grufties auf uns warten, alles schien zu klappen. Es war eine stürmische Begrüßung, der Bahnsteig war schwarz, wir würden heute The Cure sehen. Zum ersten Mal im Leben.

Langsam schlenderten wir Richtung Ausgang, wir waren eine lange Schlange aufgeregter Fans. Uwe und ich gingen mehr oder weniger vor den anderen her.

In einiger Entfernung tauchte jedoch ein Typ auf. Weißes Shirt, dicker Bauch, Hosenträger in "schwarzrotgold", Glatze. Er zeigte den "Hitlergruß". Wir hörten ihn "Deutschland" rufen. Dann ging alles sehr schnell. Aus dem einen "Deutschland" wurde ein Vielfaches, ohrenbetäubend laut. In der geschlossenen Bahnhofshalle von Leipzig wirkt so etwas ungleich lauter. Wir hörten das rhythmische Aufstampfen von nägelbeschlagenen Sohlen auf dem Boden. Zudem wurde "Oi! Oi! Oi!" gerufen.

Dann ein kurzes prägnantes: "Vor!"

Das Getrampel kam augenblicklich näher und wurde von Schreien übertönt. Innerhalb von Sekunden schossen Schwarze in wehenden Mänteln an uns vorüber, ich sah auch Andrea an mir vorbeirennen, irgendwohin. Ich lief ebenfalls los, egal wohin, Hauptsache weg von dem Gebrüll und den angsterfüllten Schreien.

Als ich an der Treppe ankam, die die Haupthalle von der Vorhalle trennte, rutschte ich auf den glatten Pikes aus und stürzte die Stufen hinab. Unten prallte ich auf einen Passanten, sein Aktenkoffer flog durch die Luft, er stürzte. Zig Zettel, vielleicht Unterlagen, flogen umher. Ich konnte mich nicht einmal entschuldigen, die Stiefeltritte kamen immer näher, es galt, sich in Sicherheit zu bringen. Ich rappelte mich auf und stolperte weiter, immer den anderen Schwarzen hinterher. Durch die linke Ausgangstür raus ins Freie, sofort links herum. Ich hatte nur eines im Sinn, aus dem Blickfeld der heraneilenden Skinheads zu kommen. Mit zwei weiteren Grufts kam ich zeitgleich an einem stehenden Polizeiwagen an. Dort blickten uns mehrere Polizisten fragend an. "Faschos, überall Faschos!" stammelten wir aufgeregt durcheinander. Die Bullen machten schnell eine Durchsage im Streifenwagen an ihre Einsatzkräfte innerhalb des Bahnhofsgeländes, dann versuchten sie uns zu beruhigen, dass sie die Lage unter Kontrolle hätten. Einer der leitenden Einsatzkräfte vor Ort zeigte uns einen Fußgängertunnel, in dem wir angeblich sicher wären. Erst jetzt sahen wir an der Straßenbahnhaltestelle, vielleicht 30 oder 50 Meter von uns entfernt, Skins grölen, es waren vielleicht 20 oder 30. Sie bepöbelten die Polizisten und uns. Die beiden anderen Grufties, mit denen ich am Streifenwagen stand, waren Bex und Kacken, der eigentlich Karsten hieß und zu den Salzwedelern gehörte. Das war Bex' und mein Glück, denn ohne "Kacken" hätten wir nicht gewusst, wo Uwe und die anderen Salzwedeler mit ihren Autos parkten. Wie hätten wir sie also jemals finden sollen, Handys gab es ja noch nicht.

Wir befolgten den Rat der Polizei und gingen die Unterführung entlang, sie war mit Sicherheitskräften in Zivil überwacht. Auf der anderen Seite der Straße schlugen wir uns durch dichtes Gebüsch. Wir wollten unter keinen Umständen von den Skins erwischt werden. Plötzlich standen wir vor einer unglaublichen Szene. Mitten im Leipziger Stadtkern, irgendwo an einer extrem befahrenen Straße, im Gebüsch versteckt, sonnten sich nackte Menschen. Es schienen Zigeuner oder Russen zu sein, jedenfalls eine Familie, die augenscheinlich nicht deutscher Herkunft war. Da lag ein Mann mit mehreren Frauen auf einer Decke, sie hatten Kofferradio und Kühltasche dabei. Die Kinder spielten nackig im Gras, als säßen sie am Ostseestrand. Sie blickten nur kurz hoch, sagten irgendetwas Unverständliches und relaxten weiter. Und das alles, während 100 Meter davon entfernt Skinheads ihrem Hass freien Lauf ließen. Kopfschüttelnd suchten wir weiter nach einer Möglichkeit, unbemerkt zum Parkplatz zu kommen. Es gelang. Dort, und das war meine größte Sorge, traf ich das Drehchen, unverletzt. Alles schien gut, bis wir beim "Durchzählen" merkten, dass zwei Leute fehlten. Marko und Lehnchen. Lehnchen hatte ein Gipsbein, niemandem war in den Sinn gekommen, sich um sie zu kümmern, als die große Flucht begann. Doch, der Marko. Beide kamen nach einer Weile zu uns, sie erzählten, dass sich die Glatzen drinnen auf das humpelnde Mädchen stürzen wollten, Marko war der Einzige, der das mitbekam und deshalb stehen blieb. Er zog Lehnchen in einen der Bahnhofs-Shops, dort baten sie um Beistand, der ihnen insofern geleistet wurde, als dass die Verkäuferin kurzerhand den Laden von innen verschloss. Die Schläger versuchten von außen vergeblich an die eingeschlossenen Grufties zu kommen. Die Polizei vertrieb dann die Nazis.

Wir berichteten noch kurz von den Skingruppen, die wir gesehen hatten, dann stiegen wir in die Autos, um zum Zentralstadion zu fahren. Uwe hatte sich einen VW-Bully gekauft. Schwarz mit weißem Dach, wie ein ehemaliger Leichenwagen. "Robert, wir kommen", riefen wir aufgeregt. Uwe fuhr auf die Hauptstraße. Wir waren völlig überbelegt in dem Kleinbus. Es waren bestimmt 10 bis 12 Leute im Auto. Hinter uns fuhr noch ein voll besetzter Golf. Wir waren jedoch keine drei Minuten weit gekommen, da stürzte sich ein wild gestikulierender, völlig verzweifelter Gruftie vor unseren Bus. Er schrie, er wolle mit, denn hinter ihm tauchte eine Gruppe heraneilender Skins auf. Sie hatten ihn wohl verfolgt und in seiner Angst auf die total befahrene Straße gehetzt. Uwe bremste, alle schrien durcheinander, Autos hupten. Die Skins waren schon da. Es half nichts, Uwe trat aufs Gas, wir konnten nichts mehr für ihn tun. Geschockt fuhren wir weiter. Was war hier los?

Nach geraumer Zeit kamen wir am Parkplatz des Zentralstadions an. Uwe suchte einen Parkplatz, fuhr dementsprechend langsam. Blitzschnell tauchten Ordner auf, sie winkten uns, wir sollen sofort weiterfahren.  Uwe hielt an. Einer der mit Armbinde gekennzeichneten Leute kam ans Fenster und riet uns, den Bus hier wegzubringen, denn in ein paar Minuten würden hier wieder die Glatzen auftauchen und dann war ein schwarzer Bus ein gefundenes Fressen. Wir konnten es nicht fassen, hörte es denn gar nicht auf?

Erst jetzt sahen wir, dass an vielen der geparkten Autos die Scheiben zerschlagen oder andere Schäden sichtbar waren. Also auch hier wüteten Skinheads ungehindert?! Wir fuhren ein ganzes Ende weiter. Hinter einem Gebüsch "versteckte" Uwe den Bus so gut es ging. Er tat mir leid, denn er hatte die gesamte Verantwortung.

Dann zogen wir zu Fuß weiter in Richtung Eingang. Nach ein paar Minuten gelangten wir an einen Brunnen, hier war alles anders. Wir standen inmitten von über hundert Schwarzen, einige planschten ausgelassen in dem kleinen Brunnen. Auch einige von uns zogen ihre Schuhe aus oder hopsten ganz in das kühle Nass. Es war der heißeste Tag in dem Jahr, bisher.

Wir saßen da bestimmt eine halbe Stunde rum, es war noch Zeit, nichts konnte noch dazwischenkommen, dachten wir. Ich sammelte derweil das Geld von zehn Leuten zusammen, hatte ich doch die Kartenbestellung in der Tasche. 300 D-Mark steckten nun in meiner Hemdtasche. Wir wollten aufbrechen zum Kassenhäuschen. Endlich zu Robert Smith!

Wir gingen los, kamen etwa 20 oder 30 Schritt weit, da flogen uns Bierbüchsen hinterher. Als wir uns nach den edlen Spendern umsahen, waren das ein paar Leipziger Stinos, die uns auf sächsisch ihre Abneigung kundtaten. Wir versuchten, sie zu ignorieren, und zogen weiter, bis zur Wegkreuzung, es ging um die Ecke zur Kasse. Bex und ich wieder vorn, hinter uns die Salzwedeler Truppe, Uwe und auch Drehchen waren dabei.

Als wir um die Ecke bogen, wussten wir, warum die Stinos so sicher waren, dass ihnen nichts geschehen konnte. Der Weg war komplett zugestellt mit Skins. Rechts und links wurde dieser Weg von hohen Büschen gesäumt, es gab keinen Umweg. Wer zum Konzert von The Cure wollte, musste da entlang. Ich sah vielleicht 50 Glatzköpfe und andere Faschos. Sie schlugen bereits auf am Boden liegende Cure-Fans ein.

Als sie unsere Gruppe sahen, jubelten sie auf. Bex und ich blieben stehen, wichen zurück. Die Skins kamen näher. Wir drehten uns um und riefen den anderen zu: "Haut ab!" Wir hörten die Glatzen hinter uns grölen. Ich bekam extreme Angst, sah ich doch gerade noch, wie man anderen Grufties auf deren Köpfe gesprungen war. Sie versuchten, "Bordsteinbeißen" mit den Cure-Fans zu vollziehen. Ich zog Andrea und Bex seitlich ins Gebüsch. Lange laufen hätte ich ja sowieso nicht gekonnt, mein Atem schlug jetzt schon bis an meinen Hals. Das Herz drohte zu kollabieren.

Als wir im Gebüsch waren, entdeckten wir ein Tor. Hinter den Büschen war ein hoher Zaun aus Maschendraht. Er wurde in aller Regelmäßigkeit von Toreinfahrten unterbrochen. Wir standen vor genau so einer Einfahrt. Kurz entschlossen versuchten wir, über den Zaun zu klettern. In dem Augenblick kam eine Ordnergruppe, die innerhalb des Geländes Patrouille lief. Sie hatten einen Schäferhund dabei und forderten uns auf, das Übersteigen des Zaunes zu unterlassen. Der Schäferhund zeigte seine Einsatzbereitschaft deutlich. Wir zögerten. Angesichts der Glatzen im Rücken und dem Hund vor der Brust war unsere Lage nicht wirklich hoffnungsvoll. Ich stotterte aufgeregt etwas von Skins und von der Kartenvorbestellung. Die beiden Typen waren wirklich super verständnisvoll, sie erlaubten uns, wenn wir leise sein würden, über den Zaun zu steigen. Ich brüllte jedoch nach Uwe, schließlich hatte ich die Kohle von zehn Leuten in der Tasche. Sie versuchten, uns zum Schweigen zu bringen. Uwe kam, mit ihm die anderen, alle stiegen über den Zaun. Als der Letzte dabei war, über den rettenden Zaun zu springen, erschien eine junge Frau. Sie schien den beiden anderen weisungsberechtigt, denn sie fragte forsch, was hier los sei. Die Jungs versuchten ihr klar zu machen, dass wir aus Angst vor den Skins über den Zaun geklettert waren und nicht, weil wir umsonst zum Konzert wollten. Sie schickte uns einfach zurück. Diese Tussi wollte allen Ernstes, dass wir alle Mann wieder zurück zu den gewalttätigen Skinheads kletterten. Wir verweigerten es! Was sollte sie tun, sie zog mürrisch ab. Es ist unbeschreiblich, wie sehr mir ein Stein vom Herzen fiel. Ich hatte noch nie im Leben vorher so sehr Angst, Angst um mein Leben gehabt.

Verschüchtert gingen wir einen kleinen Trampelpfad entlang des Zaunes auf der sicheren Seite Richtung Kasse, vorbei an Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei. Aufgebracht fragten wir, warum sie, die bewaffneten Polizisten, hier untätig herumstanden. Als Antwort erhielten wir von einem jungen Mann in Uniform, sie wüssten, was da draußen geschähe, aber sie wären zu wenige, um einzuschreiten. Entsetzt über die eklatanten Sicherheitsmängel erreichten wir das Kassenhaus.

Als wir die dortigen Ordnungskräfte nach der Kasse ansprachen, waren diese zunächst überfordert mit der Tatsache, dass wir "von hinten" kamen. Ich erklärte kurz warum und weshalb. Ich wollte bezahlen. Als Antwort erhielt ich jedoch den Hinweis, dass ich mich mal umgucken solle, was hier los sei, und dass man gern mal die Tür für mich aufmachen würde, mich dann aber sicher nicht mehr hineinließe. Ich sah, dass etwa 20 oder mehr Ordner damit beschäftigt waren, das Eingangstor zum Zentralstadion von innen zuzuhalten. Das riesige Tor schwankte bereits besorgniserregend. Mir wurde klar, dass von außen die Skins versuchten, das Areal zu stürmen. Wir saßen in der Falle.

Wir wurden weitergeschickt, standen dann doch noch vor Kontrolleuren, die uns ganz genau zu untersuchen hatten, sie nahmen uns alles Mögliche ab. Haarspray sowieso, aber auch Schmuck, wie zum Beispiel große Ringe. Mir wurde ein Gürtel abgenommen, angeblich könne man sich am Pentagramm, das die Schnalle zierte, verletzen. Es war ein tolles Gefühl zu wissen, wenn jetzt die Faschos kämen, dann verlier ich vielleicht auch noch die Hose .

Wir mischten uns aber zunächst unter das Cure-Volk. Auf der riesigen Wiese lagen hunderte, tausende Schwarze in der Sonne. Wer es hierher geschafft hatte, der hatte sich The Cure wahrlich verdient. 10.000 waren gekommen, um Robert Smith zu huldigen. 10.000 erwartungsvolle Seelen, wann endlich würde es beginnen ...

Es spielte eine Vorband, sie soll aus Halle gewesen sein, The Next. Der Sänger entschuldigte sich halbwegs für seinen Auftritt, er wusste, er hatte keine Chance, alles ersehnte sich den Moment, an dem endlich, endlich der Meister käme. Selbst als nur ein Roadie eintechnisches Probleme auf der Bühne klärte, löste das ein ekstatisches Geschrei aus. Der Mann hatte einfach nur eine Cure-Frisur.

Aus hunderten Mündern drang der Ruf "Robert! Robert!" Dass das vielfach auf sächsisch zu hören war, gab dem ganzen Pathos etwas Ironie.

Dann irgendwann, als es bereits schummerig war, kam er auf die Bühne. Es ging ganz schnell, plötzlich stand er da, ein kurzes "Hi", eine Gitarre quietschte auf. Dann donnerte uns der Sound von "Shake dog Shake" entgegen. Tausendfach vom Geschrei der in Tränen erstickten Stimmen der Fans begrüßt. Er war da. Einfach so . Fassungslos liefen mir die Tränen. "Robert", flüsterten meine Lippen. Dann tauchte ich ein in den Tanz der Vampire. Song um Song sprang ich mit meinen Freunden nach den Rhythmen der Musik, sang mit ihnen und Robert Smith Lieder, die ich jahrelang nur von Platten kannte. Immer wieder schrieen wir aus Leibeskräften diesen geheiligten Namen, er hätte an dem Abend alles von uns verlangen können, wir wären gefolgt, bis ans Ende.

Durch die Hölle waren wir auf dem Weg zum Cure-Konzert gegangen, jetzt konnte nur noch das Paradies kommen. Ihn zu hören und zu sehen war der Sinn unseres bisherigen Daseins, wir hatten alles erreicht, was wir wollten. The Cure sehen und dann sterben, hier hätte es wahr werden können.

Nach vielleicht 90 Minuten und insgesamt 16 Liedern war es aus, um sofort in die erste Zugabe überzugehen, noch einmal 3 Songs, schöne alte Hits. Bei "Close to me" tanzte Robert wie ein Bär auf der Bühne und alle schrieen: "Er tanzt, "Robert tanzt ." So etwas ist äußerst selten bei Cure-Konzerten zu sehen, zumeist steht er unbeweglich da, er ist nicht umsonst der Meister der Finsternis. Hier aber gab er sich ausgelassen und sprach sogar ein paar Brocken Deutsch zu den Fans. Als er sich einmal über sein Gesicht wischte, explodierte die Stimmung. Jeder stellte sich die Frage: "Weint Robert?" Oder war es nur Schweiß, der ihm von der Stirn lief? Für uns waren es Tränen, wir wussten, Robert ist einer von uns .

            Zwischenzeitlich wurden etliche Kreislaufopfer über die Köpfe der Fans zum Bühnenrand getragen; es war kaum auszuhalten, so sehr steigerte sich die Spannung. In der Pause zur letzten Zugabe wurde es jedoch schlagartig unruhig, wir drehten uns um, richteten unsere Blicke auf den Eingang, oben an der Kasse. Der Himmel flackerte unheilvoll im Blau. Dies war nicht die Lichtshow der Band, so viel war klar.

Es ging ein Schrecken durch die Massen, jeder wusste, das musste Blaulicht sein. Was also geschah außerhalb des Stadions? Langsam kam die Erinnerung an die Skinheads wieder.

Die dritte Zugabe brachte noch einmal Uralthits an unsere Ohren. Die Massen tanzten. Eine große Gruppe von Ordnern jedoch wurde zum Tor befohlen, andere zogen martialisch vor dem Bühnenrand auf. Wir fragten nach, und als Antwort erklärte man uns, oben würden über 1.000 Skins versuchen, in das Stadion zu gelangen. Wenn das Konzert zu Ende sei, würde man versuchen, uns, die Schwarzen, von hinten durch den Ausgang A oder B zu drängen, denn niemand sei daran interessiert, dass die Glatzen hier auf das Ordnungspersonal treffen würden. Wir waren geschockt. Wir würden voraussichtlich zwischen die Fronten kommen, denn keiner wusste, ob die Polizei es schaffen würde, einen der beiden Hauptausgänge frei von den Skins zu halten, um uns unbehelligten Abzug gewähren zu können. Urplötzlich spielte das Konzert keine Rolle mehr im Bewusstsein. Wir wollten einfach nur raus, und zwar, ohne auf die Nazis zu treffen und ohne von den Ordnern genötigt zu werden, denn diese wurden langsam grob. Es rotteten sich Gruppen von wehrhafteren Grufties und Punks zusammen. Gemeinsam beschloss man den Durchbruch am Ausgang D. Es wurden sämtliche Mülltonnen umgekippt, um nach Schlaggegenständen zu suchen. Auch Äste riss man von jungen Bäumen. Steine oder irgendwelche Gegenstände wurden abseits der Bühne gesammelt. Vielleicht waren wir 50 oder mehr Leute, wir überrannten die Ordner, die versuchten, uns aufzuhalten.

Wir hatten beschlossen zu verschwinden, bevor es hier unten eskalieren würde. Wir kamen an dem Parkplatz raus, an dem uns Stunden zuvor die Platzanweiser weggeschickt hatten. Im Hintergrund sah ich noch, wie einige Skins von Autodächern sprangen, auf denen sie herumgetrampelt waren, um in Häuserruinen auf der anderen Straßenseite zu verschwinden. Zu spät, die Punks verfolgten sie, Einzelne wurden gestellt. Ganze Gruppen von Schwarzen und Punks rächten sich an den am Boden Liegenden für das, was uns den gesamten Tag zugefügt wurde.

Uwe und Kacken rannten los, Minuten später fuhr der Bully vor. Uwe hielt nicht an, wir sprangen in den fahrenden Bully. Niemand konnte wissen, wann eventuell die Skins in größeren Gangs hier aufkreuzten, um sich mit den Punks zu prügeln. Der Bus schoss durch Leipzigs Nacht, brachte uns weg, weg vom Traum, der zum Alptraum wurde.

Wir fuhren zu einem Zeltplatz, dort standen bereits die Zelte der Salzwedeler. Langsam kamen andere Gruppen von Cure-Fans dort an. Alle berichteten von den chaotischen Zuständen in Leipzig. Viele waren den Skins in die Arme gelaufen. Andere sagten, die Glatzen hätten sich am Bahnhof verschanzt und würden dort auf die Grufties warten, die vom Konzert nach Hause wollten. Wir wussten, es würde eine heiße Nacht werden. Irgendwann stellten wir fest, dass Susi fehlte. Jeder hatte sich darauf verlassen, dass das Mädchen beim jeweils anderen war. Sie war aber weg.

Die Jungs beschlossen, zurück in die Stadt zu fahren, um Susi zu suchen. Sie bewaffneten sich. Bex wollte ebenfalls mit, ich verbot es ihm aber, denn er war erst 16 und der Sohn meiner ehemaligen Lehrerin. Ich fühlte mich verantwortlich.

 

Am Morgen war alles ok, Susi war gefunden worden, unbeschadet. Sie war mit anderen Salzwedelern aufgebrochen, aber bevor sie am Bahnhof waren, wurde sie dann von den Jungs im Bully aufgelesen. Ihr Glück, denn wie später berichtet wurde, waren die Glatzen tatsächlich am Bahnhof und jagten dort alles, was schwarz war.

Jeder, jeder bekam auf's Maul. Außer "Adolf", der war sturzbesoffen und ging straight durch die Faschogruppen durch, unbehelligt. Er fiel kopfüber in den richtigen Zug und schlief bis zur Endstation. Dort weckten ihn die anderen Salzwedeler, Adolf wunderte sich über die "blauen Augen" seiner Freunde und behauptete noch Jahre später, es wären keine Skinheads dagewesen.

Das erste Cure-Konzert war Geschichte, wir hatten es überlebt.

            Wir schworen uns, nie wieder nach Leipzig zu fahren. Nie wieder!